Jahreslosung 2023 bewusst in den Blick nehmen

Wir leben in einer Zeit, in der Dinge und Menschen nur noch schnell an uns vorüberziehen. Was macht es mit uns, wenn plötzlich jemand stehen bleibt und uns ganz bewusst wahrnimmt – so wie wir sind? Gott nimmt sich die Zeit, uns zu sehen. Er sieht uns wie einst Hagar, die Sklavin von Sarai. Für sie verändert das alles – für uns auch?

Marlen Schönemann, Koordinatorin für religiöses Leben an den Stiftungsschulen, teilt mit uns ihre Gedanken zur Bibelstelle 1. Buch Mose 16, 13 und regt an, Menschen und Dinge wieder bewusst in den Blick zu nehmen – so wie sie sind. Lassen Sie uns das mit ins neue Jahr nehmen!

El-Roi, das heißt, „Du bist ein Gott, der mich sieht“, diesen Namen gibt Hagar Gott – einem Gott, den sie nicht kennt. „Du bist ein Gott, der mich sieht“, was für ein Name. Unvorstellbar, eine Frau, die Verrat, Demütigung und Gewalt erlebt hat, ist zu solchen Worten fähig. Aber die Tatsache, dass Gott ihr Leiden er-kennt und an-erkennt, scheint für Hagar, die Sklavin von Sarai alles zu verändern. Gott sieht Hagar – als bisher einziger – und Hagar fühlt sich gesehen. Hagar fühlt sich von Gott wahrgenommen, angenommen, als die, die sie ist. Als ganze, wertvolle Person. Plötzlich ist Zeit und Raum für sie, für ihr Leid. Da ist jemand, der sich für das, was sie erlebt, was sie denkt und fühlt, interessiert.

Wie erleichternd muss es sich anfühlen, wenn da plötzlich jemand ist, „Ein Gott, der dich sieht“. Gesehen zu werden gibt uns Selbstbewusstsein – ich werde nicht vergessen, ich bin jemand. Gott sieht Hagar. Wie tröstend. Ja, Gott sieht auch dich – heute. In deinen glänzenden Momenten und in deinem Leid. Mit all deinen Schwächen und Stärken bist du angesehen bei Gott. Gott nimmt dich an. Du bist wichtig. Einfach, weil du bist. Nicht aufgrund dessen, was du tust, was du leistest oder in welchen Beziehungen du stehst. Wie schön ist es zu fühlen, Gott liebt dich, weil du bist. Mehr noch, Gott liebt dich, weil er dich will. Vom ersten Moment bis zum letzten Atemzug. Gott liebt dich. Wie würdevoll, eine Würde, die dir niemand nehmen kann. 

Auch Hagar kann diese Würde nicht von Sarai und Abram genommen werden. Hagar spürt die tiefe unendliche Liebe Gottes. Denn Würde hängt eben nicht an Lebensumständen, nicht an Entscheidungen oder daran, wie andere Menschen dich behandeln. Sie hängt allein an der Zuwendung und Liebe Gottes. Ja, Hagar ist immer noch eine schwangere Sklavin und Sarai ist ihre Herrin. Ihre Lebensumstände bleiben gleich, aber durch das Bewusstwerden der Liebe Gottes ändert sich alles.

Hagar und ihre Geschichte macht uns für das Jahr 2023 deutlich, welche Kraft Gottes Liebe in unserem Leben haben kann.